Meine Oma hört im Hühnerstall Deep Purple


                            Was haben wir uns nur dabei gedacht?

Eine Buchempfehlung 


Martin Schuster  -  „Was haben wir uns nur dabei gedacht?
Rock im Dorf – Die skurrile Geschichte um NO COMMENT“

“Im Jahr 1981 war in Wetzelsdorf im wunderschönen niederösterreichischen Weinviertel von `Europa´ noch sehr wenig zu spüren. In Wetzelsdorf gab es Weinbauern, zwei Greißlereien, zwei Gasthäuser, eine freiwillige Feuerwehr und einen Kirchenchor. Rockmusik war nicht präsent.  Trotzdem entstand zu dieser Zeit, an diesem Ort, in genau dieser Atmosphäre die `1. Wetzelsdorfer Rockband´ NO COMMENT.“


Nun soll es, bei allem gebotenen Respekt, tatsächlich Menschen geben, die weder Wetzelsdorf noch No Comment kennen. Dennoch werden auch sie ihren Spaß bei der Lektüre dieses Schmökers haben, vorausgesetzt sie bringen ein Mindestmaß an Interesse für Rockmusik mit.

Genau diese fährt Ende der Siebziger nämlich in Mark und Bein, Bauch und Herz dreier kleiner unschuldiger Landbuben. Fortan ist im Leben der allesamt 1965 geborenen Protagonisten nichts, aber auch gar nichts mehr wie vorher.

Diese Gefühle, diese Erinnerungen kennt jeder Leser. Und genau darin liegt das Vergnügen, das uns Autor und No Comment-Gitarrist Martin Schuster mit „Was haben wir uns nur dabei gedacht?“ beschert. Er nimmt uns mit auf eine wunderbare (Zeit)Reise, auf die er sich einst mit seinen Freunden begab. Und deren Stationen uns allen so oder zumindest so ähnlich noch in – mehr oder weniger – bester Erinnerung sind.

Der erste Proberaum am Hof der Oma (die, no na, immer zu ihre Buam hoit, da können noch so viele lärmgeplagte Anrainer und am Verstand der Dorfjugend zweifelnde Landwirte daherkommen), die ersten zaghaften Auftritte – im Jugendheim, im Wirtshaussaal, am Dach von Omas Hühnerstall. Man verbrüdert sich mit gleichgesinnten Wahnsinnigen aus umliegenden Gemeinden und  veranstaltet Tauschgigs mit anderen Bands, die zugleich als beste Kumpels gefeiert und als schärfste Konkurrenten geschnitten werden. Der Dunstkreis erweitert sich, man erobert die Rock-Hochburgen der Gegend (L.A.A. Rockcity!) und traut sich irgendwann sogar in die böse, böse Bundeshauptstadt.

Das vielleicht nicht superprofessionell, aber mit viel Herzblut geschriebene und sich durchaus flott und, räusper, flüssig lesende Buch hat dann natürlich auch jede Menge unterhaltsamer, mitunter skurriler Erlebnisse und Geschichten für den Leser parat. Und der erfreut sich, wie bei Machwerken dieser Art nicht unüblich, zusätzlich daran, dass er die Stationen der No Comment-Jungs sehr gut mit seinen eigenen abgleichen kann:

Queen 1982, Stadthalle Wien, erste Reihe. Hansi Lang in der Szene. Ian Gillan in „Jesus Christ Superstar“, Vera Rußwurm und Kurt Elsasser am Poysdorfer Winzerfest. Das legendäre „Austria Rock Festival“ in Zeltweg, das nicht minder legendäre „Stodl Air“ in Eibesthal. Dies alles und noch viel mehr belegt mit zahlreichen Fotos, Zeitungsauschnitten, Plakaten und ähnlichen „Beweisstücken“ (etwa die stolz übernommene Sparkassen-Urkunde bei einem Bandwettbewerb auf der Grenzlandmesse), herrlich.  

Sehr schön auch die Episode mit jener steirischen Band, die der Autor und seine Haberer, natürlich damals allesamt die Musikexperten schlechthin, bei einem Konzert im Franz Domes Lehrlingsheim (das heutige Theater Akzent!) schon beim Soundcheck als „Witzfiguren“ und „Loser“ abtun, deren größte Sorge es sei „dass sie das Gratis Essen versäumen könnten“. Als die Band – nach dem Gratis Essen - on stage losrockt, staunen die Herren Fachmänner aus dem Weinviertel dann aber doch ein bisserl, oder sogar mehr als nur ein bisserl und werden in Folge richtig große Fans der Gruppe. Und freuen sich, im Rahmen einer Interrail-Tour Jahre später in Paris plötzlich den neuen Welthit „Live Is Life“ zu hören. Die dafür verantwortliche Band kennen sie nun ja schon lange…

„Was haben wir…“ ist aber natürlich auch eine sehr persönliche und als solche nicht immer nur lustige Geschichte und es spricht für Martin Schuster und sein Werk, dass die weniger schönen und, auch zwischenmenschlich, schwierigen Zeiten nicht gänzlich ausgeblendet werden.
Vor allem aber ist das Buch eine Ode an die Freundschaft dreier Musiker, die gemeinsam durch Dick und Dünn gehen, um sich ihren Bubentraum zu erfüllen, was ihnen in einem der stärksten Momente des Buches auch tatsächlich gelingt.

Fazit: Wer im Österreich der  80ér des vergangenen Jahrhunderts seinen Pakt mit dem Rockmusik-Teufel geschlossen hat und/oder eine mit amüsanten Erinnerungen aus dieser Epoche geschmückte Bandbiografie  – fernab der anderorts zur Genüge dokumentierten  Sex, Drugs & Rock´n´Roll Eskapaden – kennen lernen will, möge im eigenen Interesse zugreifen, lachen, staunen, sich wohlwollend nickend erinnern und sich dabei auch immer wieder selbst fragen: „Was haben wir uns nur dabei gedacht?“.


Andi Appel
(Mai 2017)

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